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"Ronaldo plus 10": Warum in Portugal über den Wert von CR7 diskutiert wird

15:23 MEZ 22.03.22
Cristiano Ronaldo Portugal Euro 2020
Cristiano Ronaldo ist der Fixpunkt in Portugals Selecao. Aber wäre das Team ohne seinen Anführer vielleicht sogar besser?

An eine Sache kann man sich schon einmal gewöhnen: Die ungewöhnliche Weltmeisterschaft im kommenden Winter in Katar wird ohne Portugal oder Italien und damit ohne einen der beiden vergangenen Europameister stattfinden. Sollten beide Nationen ihre Play-off-Spiele gegen die Türkei (Portugal) und Nordmazedonien (Italien) gewinnen, steht nämlich ein direktes Duell um das WM-Ticket ins Haus.

In diesem Jahrtausend hatte es Italien 2018 schon einmal erwischt, die Portugiesen qualifizierten sich dagegen für jede der fünf WM-Endrunden. Bei vieren davon stand Cristiano Ronaldo im Kader der Selecao. Das würde selbstverständlich auch in Katar der Fall sein, sollte Portugal am Ende dabei sein.

Ronaldo ist schließlich der Kapitän des Teams und mit 115 Toren in 184 Einsätzen im Trikot seines Landes der alleinige Länderspielrekordtorschütze. Dennoch steht der 37-Jährige seit längerer Zeit im Zentrum einer Diskussion, die vor allem in Portugal hitzig geführt wird. Es geht um die Frage, ob die Nationalelf ohne Ronaldo nicht besser wäre.

Besonders eifrig wurde darüber debattiert, als Portugal im September 2020 ohne CR7 mit 4:1 gegen Kroatien gewann - immerhin der amtierende Vize-Weltmeister. Für viele Beobachter war dies gar das beste Spiel, das die Nationalmannschaft unter Trainer Fernando Santos, seit 2014 im Amt, bestritten hatte.

Es ist außerdem genau diese acht Jahre her, dass Portugal zuletzt ein Länderspiel verlor, in dem man ohne Ronaldo auskommen musste.

Ronaldo ist für Portugal wie der CL-Sieg für Paris

"Es ist fast wie ein politisches Problem, das ein Gipfeltreffen erfordert, um eine Einigung über die Strategie zur Vorbereitung von Ronaldos Rücktritt aus der Nationalmannschaft zu erzielen", sagt zum Beispiel der Journalist Sergio Pires von der portugiesischen Zeitung Mais Futebol.

Ob Ronaldo bei einem vorzeitigen WM-Aus freiwillig zurücktritt? Das bleibt fraglich, sein großer Ehrgeiz würde dagegen sprechen. Und ihn schlicht nicht mehr zu nominieren würde wohl so etwas wie eine Staatskrise auslösen.

Was unumstritten ist und von einigen Journalisten mittlerweile als Problem angesehen wird: Ronaldo ist für Portugal so etwas wie der Champions-League-Sieg für Paris Saint-Germain. Er schwebt über allem und allen, sodass das große Talent und Potential des Nationalteams möglicherweise nicht zur vollen Entfaltung kommen kann.

CR7 und Portugal: "Die Mannschaft ist Ronaldo plus 10"

Mit Spielern wie Bruno Fernandes, Bernardo Silva, Joao Felix, Diogo Jota, Joao Cancelo oder Ruben Dias besitzt die Selecao genügend hochkarätige Akteure, die in der Lage sind, das Team auch ohne Ronaldo zu tragen. Teil der Diskussion ist, dass CR7 diese Spieler in ihrer Freiheit, Kreativität und Entscheidungsfindung auf dem Spielfeld einschränkt, weil sie denken, Ronaldo so oft wie möglich anspielen zu müssen.

"Es ist anders, wenn Cristiano spielt", zitierte die Daily Mail kürzlich eine Quelle aus dem Umfeld der Mannschaft. "Cristiano ist ein wichtiger Spieler, aber die Spieler wollen alle für ihn spielen und sind sich bewusst, dass sie ihm den Ball zuspielen müssen. Wir haben hier ein Sprichwort: Die Mannschaft ist Ronaldo plus 10. Die Mannschaft ist ohne ihn entspannter. Das Team ist besser ohne ihn."

Ähnliches wurde hinter vorgehaltener Hand bereits bei Manchester United über Ronaldo gesagt. Auch dort wird die Präsenz des Superstars teilweise als Hemmschuh beschrieben - gerade für jüngere Spieler, die in Ehrfurcht und ungesundem Gehorsam gegenüber Ronaldo erstarren.

Dass immer eine gewisse Abhängigkeit besteht, wenn man Ronaldo im Team hat, ist keine neue Erkenntnis. Dafür liefert der Portugiese seit Jahren schlicht zu herausragende Zahlen ab, an die in seinen Teams niemand auch nur annähernd herankommt.

Ronaldo: 50 Tore in den vergangenen 50 Länderspielen

2021 schoss er 13 Tore in 14 Länderspielen - und 50 in seinen vergangenen 50. Chefcoach Santos hält daher nicht viel von der Debatte um seinen Topstar und richtete in seiner gewohnt nüchternen Art aus: "Ich glaube nicht, dass irgendeine Mannschaft auf der Welt besser spielen kann, wenn ihr bester Spieler nicht dabei ist."

Es würde nicht überraschen und fast schon typisch für Ronaldo sein, wenn er am Donnerstag gegen die Türkei just in dem Moment, in dem mal wieder von seinem vorzeitigen Ende in Portugals Nationalteam gesprochen wird, richtig abliefert. Es dürfte Ronaldos letzte Chance auf eine weitere WM-Teilnahme sein.

"Wenn wir es nicht schaffen, unser Ziel zu erreichen, wird das in die Geschichte eingehen, das ist unbestreitbar", warnte Santos bereits. Ronaldo sagte: "Es wäre sehr enttäuschend, unser Ziel zu verpassen. Im Fußball und im Leben gibt es immer wieder schwierige Situationen. Wichtig ist, dass man standhaft bleibt. Das Spiel gegen die Türkei wird eine wahre Schlacht."

Das klang schon fast wie eine Drohung.