Wie Vincent Kompany den FC Burnley reformiert: Plötzlich Tiki-Taka

Einflüsse von Pep Guardiola, dazu ein goldenes Transferhändchen: Vincent Kompany krempelt den FC Burnley um.

Die womöglich erstaunlichste Entwicklung dieser Fußball-Saison trägt sich in der nordenglischen Industriestadt Burnley zu: Trainer Vincent Kompany (36) hat den dort ansässigen Premier-League-Absteiger von Grund auf reformiert - und eine unaufhaltsame Tormaschine aufgebaut.

  1. Vincent Kompany: Vor der UNO kommt der FC Burnley
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    Vincent Kompany: Vor der UNO kommt der FC Burnley

    Als der langjährige Kapitän Vincent Kompany 2019 Manchester City nach elf Jahren und vier Meistertiteln verließ, stellte sich seinem Teamkollegen David Silva vor allem eine Frage: "Wer wird uns jetzt Vorträge halten?"

    Kompany ist bekannt für sein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis, bedingt ist das sicherlich auch familiär. Seine Mutter arbeitete als politische Aktivistin, sein Vater wurde einst zum ersten dunkelhäutigen Bürgermeister Belgiens gewählt. Kompany selbst schloss 2018 an der Universität von Manchester einen Master in Business Administration ab. "Sie könnten ihn bei der UNO gebrauchen", mutmaßte Silva zum Abschied.

    Die Vereinten Nationen müssen aber warten: Erstmal brauchen sie Kompany nämlich in Burnley. Die graue Industriestadt mit ihren 95.000 Einwohnern liegt eine Autostunde nördlich von Manchester. Wenn es Burnley in diesem Jahrtausend in die Medien schaffte, dann wahlweise als Brexit-Hochburg, als Stadt mit der höchsten Einbruchsquote, den niedrigsten Mietpreisen des Landes - oder wegen des lokalen Fußball-Klubs.

    Der FC Burnley ist der größte Stolz der Region: zweimaliger Meister, zuletzt ewiger Underdog der Premier League. Ligaweit kam kein Klub aus einer kleineren Stadt, keiner hatte weniger Geld. Und doch gelang Langzeit-Trainer Sean Dyche mit urbritischem Kick'n'Rush immer wieder der Klassenerhalt, 2018 auf wundersame Art und Weise sogar die Europapokal-Qualifikation.

  2. Vincent Kompanys Plädoyer für den Offensivfußball
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    Vincent Kompanys Plädoyer für den Offensivfußball

    Als es vergangenen Frühling im Tabellenkeller wieder einmal brenzlig wurde, feuerten die neuen US-amerikanischen Eigentümer Dyche. Die Fans tobten, Burnley stieg trotzdem ab. 15 Spieler verließen den Klub daraufhin, darunter absolute Leistungsträger wie Nick Pope, Ben Mee, James Tarkowski oder Maxwel Cornet. Durch den Wegfall der Premier-League-Einnahmen verschlimmerte sich die ohnehin angespannte finanzielle Lage weiter. Der FC Burnley glich einem bedenklichen Trümmerhaufen.

    Es war ein Fall für eine UNO-Intervention, oder eben für diesen 1,90 Meter großen Belgier. Und was macht der bei seiner Ankunft? Als erstes hält er natürlich einen mitreißenden Vortrag an seine neue Mannschaft, den der Klub später veröffentlichte. Statt eines blauen Helms trägt Kompany dabei ein schwarzes Cap. Er spricht nicht nur mit seinem Mund, sondern auch mit seinen Händen. Sie schnellen wild durch die Luft, breiten sich aus, schlagen hart aufeinander. Mal lächelt er, dann schaut er wieder furchteinflößend grimmig.

    "Ich war ein Verteidiger", sagt Kompany. "Aber meine Leidenschaft sind Mannschaften, die bei jeder Gelegenheit Tore schießen wollen. Das heißt: Wir haben in jeder Phase des Spiels den Plan, ein Tor zu schießen. Es ist mir völlig egal, ob es sich um einen gegnerischen Einwurf oder einen Eckball handelt - wir klären die Situation und schießen auf der anderen Seite ein Tor."

    Verstanden? Tore! Immer.

  3. FC Burnley unter Vincent Kompany: Die Zahlen hinter der Revolution
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    FC Burnley unter Vincent Kompany: Die Zahlen hinter der Revolution

    Seit dieser Ansprache ist ein halbes Jahr vergangen. Seit dieser Ansprache hat keine Mannschaft im englischen Profifußball in ihrer jeweiligen Liga mehr Tore erzielt als Burnley. 58 insgesamt, im Schnitt exakt zwei pro Spiel. Nach einem durchwachsenen Start mit nur einem Sieg aus fünf Spielen marschierte Kompanys Mannschaft unaufhaltsam los, zuletzt gelangen neun Siege in Folge.

    Der Vorsprung an der Tabellenspitze auf den ersten Verfolger Sheffield United beträgt sieben Punkte. 17 sind es auf den dritten Platz, dem nächsten, der nicht zum direkten Aufstieg berechtigt. Dreimal wurde Kompany schon zum Trainer des Monats gewählt. Die Daily Mail fragte neulich: "Ist Burnley die beste Mannschaft in der Geschichte der Championship? Macht Vincent Kompany die beste Arbeit als Trainer in der modernen Geschichte dieser Liga?"

    Beachtlich ist aber nicht nur, was Kompany schaffte. Sondern vor allem: wie. Kompany schuf Burnleys eigenes Gegenteil. Tiki-Taka statt Kick'n'Rush, Angriff statt Abwehr, jung statt alt. Ein paar Zahlen gefällig? In der Abstiegssaison verzeichnete Burnley in der Premier League den geringsten Ballbesitzanteil, die wenigsten Pässe und die schlechteste Passquote. Nun liegt die Mannschaft in all diesen Kategorien jeweils knapp hinter dem aktuell Tabellen-13. Swansea City auf Platz zwei. Aus der zweitältesten Mannschaft ihrer Liga mit einem Durchschnittsalter von 27,3 wurde die viertjüngste (24,9).

    "Burnley war mit Blick auf die eigenen Ressourcen ein extrem erfolgreicher Klub", sagt Kompany. "Aber ich habe eine andere Herangehensweise, die ich implementieren wollte." Er setzt auf engmaschiges Positionsspiel, viele Kurzpässe, auf permanente Rochaden. Dass das so schnell funktioniert, damit hatte er nicht gerechnet: "Das Ziel war eigentlich eine Saison, in der wir nach dem Abstieg nicht komplett kollabieren." Stattdessen deutet alles auf den direkten Wiederaufstieg hin.

  4. Vincent Kompanys bisherige Trainerkarriere
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    Vincent Kompanys bisherige Trainerkarriere

    Kompany selbst wird unterdessen als möglicher nächster Trainer von Manchester City gehandelt, womit er zum Nachfolger seiner größten Inspirationsquelle avancieren würde. Seinen "Referenzpunkt" nennt Kompany Pep Guardiola: Drei Jahre spielte er einst unter dem katalanischen Trainer-Guru bei City, wobei er schon damals mehr als nur spielte. "Gewissermaßen habe ich im Hintergrund geübt, Trainer zu sein", erklärt Kompany. "Ich habe mein eigenes Spiel auf der Software unserer Videoanalysten zerlegt. Als ich die Chance bekommen habe, als Trainer zu arbeiten, hat sich das nicht mehr wie ein großer Schritt angefühlt."

    Der Übergang war ohnehin fließend: 2019 kehrte Kompany zunächst für ein Jahr als Spielertrainer zu seinem Jugendklub RSC Anderlecht zurück, ehe er für zwei Jahre fest auf die Bank wechselte. "Er sorgt dafür, dass ich jeden Tag heiß bin", lobte die damalige Leihgabe vom FC Bayern München Joshua Zirkzee im Interview mit SPOX und GOAL. "Es ist großartig, einen Trainer zu haben, der seinen Glauben auf einen Spieler übertragen kann." Letztlich reichte es aber nur zu zwei dritten Plätzen und einem verlorenen Pokalfinale, zu wenig für den erfolgsverwöhnten belgischen Rekordmeister.

    Im Sommer trennten sich die Wege, woraufhin Kompany in Burnley unterschrieb. Bevor er sich dort überhaupt mit der Implementierung seiner Spielphilosophie beschäftigen konnte, musste er eine neue Mannschaft zusammenstellen. "Mein Telefonbuch ist groß genug, um einige interessante Optionen zu haben", verkündete Kompany damals optimistisch und machte sich an die Arbeit. Tatsächlich trägt Burnleys sommerliche Transferphase, an deren Ende ein Plus von rund 38 Millionen stand, ganz eindeutig die Handschrift ihres neuen Trainers.

  5. FC Burnley: Transfers tragen Vincent Kompanys Handschrift
    (C)Getty Images

    FC Burnley: Transfers tragen Vincent Kompanys Handschrift

    Aus seiner belgischen Heimat holte Kompany die Flügelstürmer Anass Zaroury (21) und Benson Manuel Hedilazio (25), Mittelfeldspieler Josh Cullen (26) sowie Rechtsverteidiger Vitinho (23). Volltreffer. Von seinem Ex-Klub Manchester City kamen Keeper Arijanet Muric (23) und Innenverteidiger Taylor Harwood-Bellis (20). Auch sie etablierten sich sofort. Harwood-Bellis wechselte 2008 übrigens zeitgleich mit Kompany zu City - er war damals sechs Jahre alt, sein heutiger Trainer 22 und dessen Ex-Klub Hamburger SV noch erstklassig. Lang ist's her.

    Wie etliche andere Neuzugänge spielt aber auch Harwood-Bellis nur per Leihe in Burnley. Rechtsaußen Nathan Tella (23) gehört dem FC Southampton, Linksverteidiger Ian Maatsen (20) dem FC Chelsea und Jordan Beyer Borussia Mönchengladbach. Nach einem durchwachsenen Saisonstart erkämpfte sich der 22-jährige Deutsche im Laufe der Hinrunde einen Stammplatz als Innenverteidiger.

    Geführt werden die größtenteils jungen Neuzugänge von verbliebenen Burnley-Veteranen. Spielern wie Jay Rodriguez, Charlie Taylor oder Jack Cork, die so heißen, wie Burnley früher spielte. Trotz ihrer Namen und ihres fortgeschrittenen Alters tragen aber auch sie Kompanys Revolution mit. Rodriguez ist gemeinsam mit Tella sogar der gefährlichste Torschütze, brauchte dafür jedoch lediglich neun Treffer.

    Ihre Unberechenbarkeit ist eine der größten Stärken von Kompanys Mannschaft: Burnley ist nicht abhängig von einzelnen Stürmern. Jeder soll Tore erzielen, insgesamt trafen in der Liga bereits 16 verschiedene Spieler. Sie alle haben offensichtlich verinnerlicht, was ihr neuer Trainer vergangenen Sommer forderte: In jeder Spielsituation auf Torejagd gehen - selbst wenn es sich um einen gegnerischen Einwurf handelt.